• Sudhir

Rumpelstilzchen und der Innere Kritiker

Aktualisiert: Feb 14


Genauso leer wie der Stuhl!

Ich war ziemlich aufgeregt, als ich vor der Tilopa Pyramide, im Osho Ashram, unter den mächtigen Bäumen im Schatten saß und auf mein Meeting mit Kaveesha, der Direktorin der Mysteryschool, wartete. Den Grund für das Meeting wusste ich nicht; nur dass es etwas ganz wichtiges sein sollte. Was mir dann aber von ihr angeboten wurde übertraf komplett alle meine Erwartungen: Ich sollte im Rahmen der populären Seminarreihe „Mystery School Stream“ eine neue Gruppe konzipieren: „Dropping Unworthines” – der Schlüssel zum Selbstwert.


Ich war mächtig stolz und aus dem Häuschen, aber meine Freude sollte nicht lange anhalten. Es gab da nämlich ein Problem. Wenn ich ehrlich war, dann hatte ich selbst keine Ahnung wie ich den inneren Kritiker zum schweigen bringen sollte. Ich lief zwar tagsüber mit dieser schwarzen Therapeuten Robe rum und hatte in der Abendmeditation einen Ehrenplatz in der zweiten Reihe vor einem leeren Stuhl. Doch innerlich war ich zum Thema Selbstwert genau so leer wie der Stuhl. Ich hatte keine Ahnung!

Also ging ich erst mal in unser Büro an den Computer, um mich in der Osho Datenbank schlau zu machen. Ich fand unzählige Osho Diskurse zum Thema Selbstwert und innerer Kritiker, aber ich wurde daraus auch nicht schlauer, weil Osho sich ständig selbst widersprach. Einmal redete er davon, dass es fast unmöglich sei, diesen inneren Kritiker loszuwerden. Dann sprach er davon, dass das ganze nur ein Hirngespinst sei, welches man einfach so mit Bewusstheit abschütteln könne und dann meinte er, dass das Gefühl von Wertlosigkeit eine spirituelle Qualität sei, die man unbedingt behalten sollte. Meine Verwirrung war komplett. Und es sollte noch schlimmer kommen!


Unter Dauerbeschuss des inneren Kritikers


Mein innerer Kritiker versuchte mich platt zu machen. ‚Wer ich denn sei, ich hätte doch keine Ahnung und es würde doch eh jeder merken, dass mein Therapeuten Image nur eine Farce sei.‘ Ich war unter Dauerbeschuss! Vielleicht hatte ich bis dahin noch nicht so klar erkannt, dass mein Selbstwertgefühl nicht wirklich echt war. Aber jetzt gab es keine Zweifel mehr. Meine Selbstwertschätzung war von meiner Position in der Ashram Hierarchie, von meinem Erfolg als Therapeut, meiner Beliebtheit unter den „Mas“ (= Ashram Besucherinnen) und von der Bestätigung anderer abhängig. Das 3 Tage Seminar rückte immer näher und die Zeit wurde knapp. Es hatten sich bereits 45 Teilnehmer angemeldet und ich suchte noch immer nach der Antwort auf die Frage: “Was ist dann authentisches Selbstvertrauen?“


Wenn das Gehirn einfach abschaltet

Kennst du dieses schreckliche Gefühl von „Mind-freeze“, wenn du vor Leuten sprechen sollst und dein Gehirn einfach abschaltet? Wenige Tage vor Seminarbeginn saß ich schließlich nach wochenlanger Vorbereitung auf dem Dach des Krishna Hauses zu einem ersten Orientierungstreffen, wo ich etwas über Inhalt und Ablauf der Gruppe hätte sagen sollen. 45 Leute schauten mich erwartungsvoll an. Mein innerer Kritiker hatte mich auf diesen Moment minuziös vorbereitet: Ich verlor voll den Faden! Ich wurde rot wie eine Tomate. Meine Hände zitterten. Aber ich konnte mich grad noch so retten, indem ich die Teilnehmer schnell bat ihre Augen zu schließen. Und dann geschah etwas, was ich nie vergessen werde: „Eine Stimme in mir fragte: Was würdest du jetzt tun oder sagen, wenn du einfach du selbst wärst, anstatt dich zu verstellen“? Die Stimme hatte recht, ich war nicht echt. Ich spielte die Therapeuten Rolle. Und in diesem Augenblick wurde der Kritiker ein Verbündeter und das Schamgefühl ein Botschafter. Beide halfen mir dabei mehr authentisch zu sein. Mit einem Schlag war ich wieder bei mir, völlig entspannt und in meinem Hara zentriert. Das ganze dauerte vielleicht 10 Sekunden.


Nur die Unwürdigen sind wirklich würdig

Als Grundlage für das Seminar hatte ich drei anscheinend widersprüchliche Perspektiven von Osho zum Thema Selbstwert und Selbstkritik ausgewählt. Im ersten Vortrag sagt Osho, dass das Gefühl der Unwürdigkeit eine spirituelle Qualität sei, welche nur Menschen verspüren können, die wirklich würdig sind. Die kritischen Stimmen machen uns selbstloser, demütiger und authentischer. Ich hatte beim studieren der Osho Zitate zwar kognitiv verstanden, dass man den inneren Kritiker auch zum Verbündeten machen kann, doch nun hatte ich es selbst durchlebt und erfahren. Diese lästige kritische Stimme hat auch eine positive und wertvolle Seite, wenn man ihr auf die rechte Weise zuhorcht.


Wir müssen den Hexenmeister entlarven

Im zweiten Diskurs erzählt Osho eine Geschichte von George Gurdjieff, einem spirituellen Meister aus Armenien. Dort sollen die Eltern, vor der Arbeit auf den Feldern, um ihre Kinder herum, mit einem Stock, magische Kreise im Sand gezeichnet haben und ihnen dabei suggeriert haben, dass was ganz schlimmes passieren würde, wenn sie versuchten aus dem Kreis auszubrechen. Und die Kinder wagten dann den ganzen Tag nicht ihre hypnotischen Kreise, in denen sie sicher waren, zu verlassen. Wir sind auf die gleiche Weise hypnotisierte Kinder, die an die Lüge glauben, dass etwas mit uns nicht in Ordnung sei. Und Osho sagt weiter, es gehe einfach darum, aus unserer Hypnose aufzuwachen, so undramatisch, wie wir jeden Morgen aus unseren Träumen erwachen. Ein Kinderspiel! Unser Kritiker zeichnet hypnotische Kreise in unserem Kopf. Wir müssen diesen Hexenmeister entlarven. Und der erste Schritt dazu ist, seinen Namen zu kennen und seine Strategie zu durchschauen.


Rumpelstilzchen und das Über-ich

Kennst du die Geschichte vom Rumpelstilzchen? Der Deal, den der Kobold mit der Königstochter gemacht hatte war, dass sie ihm ihr neugeborenes, unschuldiges Kind werde geben müssen. Aber er willigte noch ein, seinen Anspruch aufzugeben, wenn sie seinen wahren Namen erraten könne. In der Nacht macht sich die Königstochter auf die Suche nach dem Wichtel im dunklen Wald, findet seine Hütte und beobachtet, wie er über ein Feuer hüpft und singt: "Übermorgen hol ich der Königin ihr Kind. Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“ Am nächsten Morgen nennt sie ihn bei seinem richtigen Namen und Rumpelstilzchen zerreißt sich vor Wut in Stücke und wurde nie mehr wiedergesehen.

Wenn wir diese Stimme im Kopf identifizieren und ihr einen Namen geben, dann wird sie langsam ihre Macht über uns verlieren und nicht mehr in der Lage sein, uns die Unschuld wegzunehmen.


Der Ego-Aufsichtsrat

Freud nannte diese Stimme das "SUPER EGO". Das Super-Ego ist sowas wie der Aufsichtsratsvorsitzende unserer Persönlichkeitsstruktur. Schuld, Scham, Selbstkritik und Zweifel sind seine Adjutanten. Die Aufgabe dieses Geheimbundes ist es, den Status Quo zu wahren und uns in unserer Komfortzone zu halten. Mit besten Absichten redet das Super-Ego uns ein, dass wir in unserem sicheren kleinen Kreis sitzen bleiben sollen, anstatt die Flügel auszubreiten und unser Potential zu leben.

Hameed Ali Almaas, der spirituelle Leiter der Ridhwan Schule, hat einmal gesagt, dass es unsere größte Aufgabe sei, uns des Superegos bewusst zu werden und uns dagegen zur Wehr zu setzten!

„Ein Großteil unserer Blockaden ist auf die Angriffe des Super-Egos zurückzuführen. Dies sind die Kritik, das Runtermachen, das Vergleichen, die Urteile, die Abwertungen, die Schuldzuweisungen, die Scham, die Zurückweisung und der Hass, den das Über-Ich in allen möglichen Situationen auf uns ausübt. Zunächst müssen wir uns gegen diese Angriffe durch direkte Konfrontation verteidigen. Dies kann geschehen, indem wir die Autorität des Über-Ichs in Frage stellen und ihm sagen: Verschwinde!! Eine solche innere Konfrontation erfordert große Stärke und Intelligenz.“


Uralte Freunde lässt man nicht so leicht los

Die Persönlichkeit hat einen immensen Willen zu überleben. Das Wort Persönlichkeit ist aus dem griechischen Wort ‚Persona‘ abgeleitet, was soviel wie Maske bedeutet. Ein Teil von uns hält an der Selbstkritischen Maske auf Biegen und Brechen fest, weil unsere Beziehung mit dem Superego bis in die Kindheit zurückreicht. Uralte Freunde lässt man nicht so leicht los! Im dritten Vortrag von Osho sagt er, dass wir so sehr mit dieser Stimme identifiziert sind und an ihr festhalten, dass es nicht einfach sein wird uns davon frei zu machen. Er sagt weiter: „es ist fast so schwierig und schmerzhaft, als müssten wir unsere eigenen Glieder abschneiden oder aus der eigenen Haut herausschlüpfen.“

So was nun!? Leicht wie ein Kinderspiel oder so schwierig wie aus der eigenen Haut herausschlüpfen!? Dies ist nur ein weiterer Trick des Super-Ego’s: Es versucht uns weis zu machen, dass es nur eine richtige und eine falsche Antwort gäbe und es legt damit den Grundstein in uns für unsere inneren Konflikte: richtig gegen falsch und gut gegen böse. Die Verlierer sind immer wir!


Den Kritiker zum Schweigen bringen

Mein Kritiker war entnervt von Osho und seiner Widersprüchlichkeit. Mein kleingeistiges Superego kann halt nicht so gut mit Vielschichtigkeit umgehen. Doch für mich flossen die vermeintlich widersprüchlichen Perspektiven zusammen, als unterschiedliche Facetten zum Thema Selbstwert und Selbstkritik.


Manchmal ist es einfach angebracht dem Kritiker energisch den Mund zu verbieten.
Manchmal ist er ein Botschafter und Freund, der hilft Ego-Höhenflüge zu vermeiden.
Manchmal ist es einfach nur eine Selbst-Hypnose aus der man jeden Moment aussteigen kann.
Manchmal ist Humor die beste Antwort

Und meine neuste Strategie ist Humor. Ich nehme den Kritiker liebevoll auf die Schippe. Das hat dazu geführt, dass er nicht mehr oft wagt, sich bei mir zu melden. Mit einer Stimme, die mich an meine Kindheit erinnert, sagt er: „Was hasch du denn jez scho wieder alles falsch gmacht!? Und ich antworte ihm: Na da bist du ja! Danke für dein Feedback. Hast du vielleicht noch mehr Fehler entdeckt, aus denen ich was lernen könnte!?

… Hallo? … Superego! …Hallo!?