• Sudhir

Digitaler Detox - Stille statt Likes

Aktualisiert: Feb 14


Dabei hatte alles so gut angefangen damals im Oktober 2007, als ich mein Konto bei Facebook eröffnete. Ich war beflügelt von der Idee, mir mein eigenes globales Netzwerk mit Gleichgesinnten zu schaffen. Es fühlt sich doch berauschend an, wenn 2000 Freunde meine Ansichten teilen und mich mit ihren „Likes“ bestätigen. Und wenn keiner auf meinen Post reagiert, dann ist das zugegebenermaßen etwas frustrierend, oder? Peinlich, aber wahr, was mich damals an Facebook so Beflügelte war in Wirklichkeit der Wunsch nach Anerkennung.


Die Facebook Droge


Steve Jobs der Vater des iPhones hat seinen Kindern nicht erlaubt seine eigenen Erfindungen zu benutzen und Sean Parker, der 38-jährige Gründungspräsident von Facebook, gab kürzlich zu, dass das soziale Netzwerk nicht mit der Absicht gegründet wurde, um uns einander global näherzubringen, sondern aus kommerziellen Gründen und auch um uns von der Anwendung abhängig zu machen. Um dieses Ziel zu erreichen, erklärte Parker, nutzten die Architekten von Facebook eine „Verletzlichkeit der menschlichen Psychologie“: den Wunsch beliebt zu sein.

Dass wir Aufmerksamkeit wollen, ist ein natürliches biologisches Bedürfnis. “Attention Engineers” – Aufmerksamkeitstechniker - untersuchen schon seit Jahrzehnten das Suchtverhalten von Las Vegas-Spielern und ihre Erkenntnisse werden ganz bewusst in das Design von sozialen Netzwerken integriert. Facebook, Instagram & Co. sind darauf angelegt süchtig zu machen und junge Menschen sind da am verletzlichsten.


Glückshormone

Wenn wir eine Aufmerksamkeit bekommen, uns jemand anlächelt, wir etwas leckeres essen, Sex haben oder Drogen konsumieren, dann wird der Neurotransmitter Dopamin freigesetzt. Das Glückshormon motiviert uns, dasselbe Verhalten zu wiederholen, um das gleiche angenehme Gefühl wieder zu erleben. Wenn wir „Likes“ bekommen, dann steigert das die Dopamin Konzentration im Blut bis um 400%, was nur wenig unter der eines Kokain-Kicks liegt. Bezeichnenderweise ist das Wort im Englischen für Internetanwender und Drogenabhängige dasselbe: Users! Kognitive Neurowissenschaftler warnen, dass wir durch die ständige Stimulation des dopaminergen Belohnungssystems eine stark süchtig machende Droge in die Hände von Kindern gegeben haben.

Wäre mir dies damals alles schon bewusst gewesen, dann hätte ich meinem Sohn nicht schon mit 10 ein Smartphone zu Weihnachten geschenkt. Ich hätte seine Online Zeiten strikter reguliert und ihm geholfen sich auf wichtige Dinge zu konzentrieren. Doch statt unsere Kinder zu belehren, sollten wir vielleicht besser selbst mit gutem Beispiel vorausgehen und uns fragen: Wie viele Stunden verbringe ich täglich am Smartphone und Tablett? Warum lasse ich mich so leicht vom Klingenzeichen meines Smartphones ablenken?


Auf Belohnung dressiert

Am Anfang gab es noch eine richtige Belohnung: ein fettes Steak oder mindestens einen Knochen. Dann fing er an eine kleine Glocke zu läuten, jedesmal, wenn er dem Hund seine Belohnung brachte. Und darauf kam Pavlov ohne eine echte Belohnung und klingelte nur noch. Doch die Hunde des Psychologen Pavlov reagierten im Experiment so, als ob sie echte Nahrung bekommen hätten. Genau wie wir, wenn der Nachrichten Ton klingelt: Wir lassen alles liegen und stehen und rennen zum Smartphone. Wir erwarten ein Like, eine nette Nachricht oder eine Bestätigung, dass unser „Posting“ Menschen da draußen in der virtuellen Welt interessiert. Doch Nachrichten und Likes sind nur Informationen und keine realen Erfahrungen. Wir lassen uns wie die Hunde von Pavlov mit Fake-Food abspeisen und verbringen laut Umfragen bereits etwa ein drittel unseres Tages am Smartphone oder Tablet: unsere digitalen Sklaventreiber.


Facebook Depression

Mit der Einführung des iPhones im Jahr 2007 gewannen Smartphones rasant Marktanteile und seitdem scheint etwas schiefzugehen, im Leben von jungen Menschen. Allein in den fünf Jahren zwischen 2010 und 2015 stieg die Zahl der amerikanischen Teenager, die sich nutzlos und freudlos fühlten, um 33%. Die Zahl der Selbstmordversuche von Jugendlichen zwischen 13 und 18 ist um 31% gestiegen. Für dieses traurige Phänomen gibt es auch einen Namen: Facebook Depression. Die Forschung zeigt, dass Teenager, die sehr viel Zeit online verbringen und weniger Zeit mit Freunden, am wahrscheinlichsten depressiv werden. Je mehr wir Soziale Medien nutzen, umso einsamer fühlen wir uns und soziale Isolation ist einer der größten Risikofaktoren für Suizid.


Wenn Worte töten

Eigentlich wollte sie nur ein bisschen Aufmerksamkeit als sie ihren Schulfreundinnen Lügen erzählte. Sie hatte behauptet, ihr Bruder sei gestorben und ihre Eltern würden sich scheiden lassen. Als dann rauskam, dass Holly gelogen hatte, machten sie sie fertig. Holly Grogan aus dem walisischen Städtchen Cheltenham war nur 15 Jahre alt. An einem Mittwochabend ging sie aus der Stadt, zur Autobahnbrücke, um von dort in den Tod zu springen. Holly war Opfer von Cybermobbing geworden. Sie ist nicht mit den Hänseleien auf den sozialen Netzwerken zurechtgekommen. Ihr Mangel an Selbstvertrauen war vielleicht ein Pulverfass, doch Soziale Medien waren das Streichholz.


Soziales Lernen

Die Pubertät ist eine Zeit, die für das soziale Lernen besonders wichtig ist. Wir wollen rausfinden wie wir wirken. Wir sind soziale Wesen und wir haben über tausende von Jahren gelernt, dass wir unsere Überlebenschancen verbessern, wenn wir die soziale Anerkennung von unserem Klan bekommen. Isolation oder Ablehnung verringerte damals unsere Überlebenschancen. Die hübschen Mädchen und die mächtigsten Männer durften in der Mitte am Feuer schlafen. Die Alten und die Schwachen waren „out“. Wer out war, der musste am Gruppenrand schlafen. Leute mit einem niedrigeren sozialen Status wurden somit in der Nacht für die wilden Tiere leichte Beute. Fast so wie heute! So haben wir gelernt unseren sozialen Status ständig zu überprüfen. Und deswegen sind wir auch instinktbedingt anfällig für „LIKES“


Digital manipuliert

In einem Bericht der Royal Society for Public Health in Großbritannien heißt es, dass Instagram die schädlichste Social-Networking-App für die psychische Gesundheit junger Menschen ist, dicht gefolgt von Snapchat. Instagram verleitet junge Frauen dazu, sich mit unrealistischen Photoshop-Versionen ihrer Altersgenossinnen zu vergleichen. Mädchen finden sich hässlich im Vergleich zu anderen, die ihre Bilder bearbeiten, um perfekt auszusehen, sagte eine Befragte in dem Bericht.

Die britische Gesundheitsorganisation hat deswegen dazu aufgerufen, dass Bilder, die digital manipuliert wurden, mit einer Warnung versehen werden sollen. Julia von Weiler, die Beraterin der Bundesregierung im Fachbeirat für Missbrauchsfragen warnt davor, dass heute schon Grundschüler Nacktbilder von Gleichaltrigen auf ihren Smartphones verbreiten. Sie fordert ein Smartphone Verbot für Jugendliche unter 14. Doch ein Verbot würde vermutlich das Gegenteil bewirken.


Digitaler Detox

Natürlich macht es mich traurig, wenn ich junge Menschen sehe, die am Smartphone rumfummeln, anstatt herauszufinden, wer sie sein könnten und wie das Leben schöner und befriedigender wäre. Zum Glück gibt es einen Lichtblick: Das Gesetz der Paradoxien besagt, dass Lärm die Sehnsucht nach Stille in uns wachruft, Scheinbelohnungen das Bedürfnis nach Wertschätzung und Isolation den Wunsch nach Verbundenheit. Immer mehr ganz junge Leute melden sich zu den Stille Retreats am UTA an. Wenn ich Ihnen im Interview eröffne, dass sie für 7 Tage kein Tablet oder Smartphone benutzen können sind sie erst mal überrascht, doch am Ende schätzen alle die Zeit ohne den digitalen Lärmteppich. Stille ist wirklich ein Luxus!


„Nur Menschen mit Stille könne kreativ werden. Und wir brauchen mehr kreative Menschen auf dieser Welt. Ihre Kreativität, ihre Stille, ihre Liebe und ihr Frieden werden die einzige Möglichkeit sein, diesen wunderschönen Planeten zu schützen.“ Osho